Beltz Verlag Weinheim und Basel
2009-02-28 (19,95 €)
Es kommt selten vor, dass man ein Buch über Darstellendes Spiel in der Schule wie einen Krimi liest und dabei sogar noch körperlich in Bewegung bleibt, weil man ständig zustimmend mit dem Kopf nickt. So kann es einem gehen beim Buch über „Biographisches Theater in der Schule“ von Maike Plath. Das liegt zum einen an der Sprache, die zugleich locker und präzise ist, direkt und zupackend, aber auch plastisch und anschaulich in der Schilderung von Beispielen, zum anderen an der Überzeugungskraft und der Begeisterung der Autorin für ihre Sache.
Maike Plath macht und beschreibt Schultheater mit Schülern einer Hauptschule in Berlin-Neukölln. Sie weiß also, wovon sie spricht, und ihre Aussagen sind ebenso theoretisch fundiert wie praktisch erprobt. Wie kriegt man Schüler in der Hauptschule dazu, sich auf den Boden zu legen? Oder die Schuhe auszuziehen? Was ist „authentisch“? Welche „innere Haltung“ muss ein Spielleiter entwickeln? Maike Plath kennt ihre Schüler und die Arbeitsbedingungen in der Sekundarstufe. Sie benennt die Probleme und verschweigt keine Krisen, aber sie zeigt vor allem, wie man trotz allem erfolgreich theaterspielen und dabei auch mit sich selbst zufrieden sein kann.
Möglich ist das alles durch „biographisches Theater“, d.h. durch ein Theater, das von der Lebenswelt und Erfahrungswelt der Schüler ausgeht. Biographisches Theater dient aber hier nicht zur Therapierung wie im Psychodrama, sondern zur Herstellung eines theatralen Produkts. Denn „biographische Theaterarbeit ist ergebnisorientiert. Mit dem jeweiligen Stück geht es immer darum, dem Zuschauer persönliche Anliegen und Erfahrungen der Biographieträger zu vermitteln.“ (S. 26) Die Konflikte und Emotionen der Spieler sind zwar der Ausgangspunkt des biographischen Theaters, aber eine bloße Abbildung des Alltags ist nicht „authentisch“, sondern nur langweilig und „unecht“: „Nicht das Authentische ist die Angelegenheit der Kunst, sondern das Authentische auszudrücken.“ (S. 25, Zitat von Brassai)
Mit den eigenen Erfahrungen wird gespielt, d.h. sie werden gefiltert durch den gezielten Einsatz darstellerischer Mittel. Diese theaterästhetischen Mittel werden den Szenenvorschlägen der Schüler nicht nachträglich übergestülpt, sondern sind von Anfang an die Grundlage der Theaterarbeit, denn „über den Prozess der Ästhetisierung sind die Schüler/innen dem wahren Kern ihres Themas auf die Spur gekommen. Sie sind ihren wahren Empfindungen nicht nur näher gekommen, sie haben ihr Thema auch – durch den Diskurs auf einer höheren Reflexionsebene – in einen allgemeineren Kontext gestellt, der es ihnen ermöglicht, ihr ganz persönliches Thema objektiv zu betrachten, Bezüge herzustellen und dadurch sich selbst ernster und bewusster wahrzunehmen.“ (S. 28)
Die ästhetische Form schafft Sicherheit, hilft bei der Überwindung von Hemmschwellen und ermöglicht erst den Ausdruck von „Authentizität“. Dazu gehört ein Feedback-Verfahren, bei dem die Schüler über den „richtigen“ Einsatz der theaterästhetischen Mittel diskutieren. „Durch dieses Feedback-Verfahren, das bei allen Spielaufgaben verwendet wird, entwickeln die Spieler/innen zunehmend ein Gefühl für die Vielzahl der Komponenten, die einen guten Auftritt ausmachen. Sie schärfen ihre Beobachtungsgabe und erweitern ihren Wortschatz erheblich.“ (S. 60) Und sie entwickeln ein eigenes Gefühl für Bühnenpräsenz.
Eine solche Theaterarbeit ist immer ein offener Prozess, der sich nicht mit anderen Gruppen wiederholen lässt. Maike Plath warnt daher auch vor der Suche nach „Rezepten“ im Darstellenden Spiel. Dennoch stellt sie einige beispielhafte Übungsabläufe in Form von fünf „Modulen“ vor, die im Zweifelsfalle direkt nachvollziehbar, aber auch vielfältig variierbar sind. Wichtig ist nicht das Nachmachen, sondern die Einhaltung des Prinzips. Modul 1 beinhaltet Übungen zur Wahrnehmung von „Körper, Bewegung, Ausdruck“, Modul 2 stellt die Einführung theaterästhetischer Mittel vor, Modul 3 „Tanz und Bewegung – von der Improvisation zur Komposition“ widmet sich der Strukturierung von Bewegungsabläufen und Modul 4 beschäftigt sich mit dem Kern des biographischen Theaters, der Gewinnung und Ästhetisierung des autobiographischen Materials. Modul 5 geht einen Schritt über die freie biographische Produktion hinaus, indem es die „Methoden des Inszenierens anhand einer textgebundenen biographischen Produktion“ am Beispiel des Höhlengleichnisses von Platon demonstriert.
Die Übungsabläufe sind gespickt mit praktischen Tipps, Querverweisen und Kommentaren, aber auch solchen Hinweisen: „Die Regel ‚Wer lacht, verlässt den Raum’ sollte grundsätzlich gelten. Wer sich wieder gefangen hat, kann wieder reinkommen und mitmachen.“ (S. 82). Damit sind wir beim zweiten Schwerpunkt dieses Buches, bei der Rolle des Spielleiters. Denn die Möglichkeit des biographischen Theaters steht und fällt mit dem Selbstverständnis des Spielleiters. „Nicht die Haltung der Jugendlichen verhindert erfolgreichen Unterricht, sondern die Haltung des Spielleiters bzw. der Spielleiterin“ (S. 31) Kann man das so kategorisch sagen? Und darf man das? Immerhin sind es die Spielleiter, die dieses Buch kaufen und seinen Inhalt zur Kenntnis nehmen sollen… Man kann und darf, wenn man es so macht wie Maike Plath und sich selbst mit einbezieht.
Maike Plath beschreibt die Rolle des Spielleiters genauso so fundiert und anschaulich wie ihre Theaterarbeit mit Schülern. Sie nennt beispielhaft drei Spielleiterhaltungen, die sich negativ auf den Arbeitsprozess auswirken. Die „Opferhaltung“ nimmt im Grunde das Scheitern schon vorweg und beschäftigt sich mehr mit Erklärungen dafür als mit der Suche nach Lösungen. Ebenso negativ ist es, wenn Spielleiter ihre Theaterarbeit als pädagogisches Programm zur Verbesserung von Verhaltensweisen ihrer Schüler betrachten oder versuchen, ihre Regieträume mit Jugendlichen zu verwirklichen. In beiden Fällen werden die Schüler/innen instrumentalisiert. Es kommt aber wie in allen menschlichen Beziehungen auf eine Beziehung auf Augenhöhe zwischen Jugendlichen und Spieleiter/in an.
Eine solche Beziehung entsteht mit der Bereitschaft zum Statuswechsel. Maike Plath erklärt das Verhalten von Spielleitern um Umgang mit Jugendlichen selbst mit einer theatralen Begrifflichkeit. Nach Keith Johnstone ist Statuswechsel das Geheimnis des erfolgreichen und entspannten Lehrers und erst recht sollte man als Spielleiter/in ein „Status-Experte“ sein, um in Konfliktsituationen richtig reagieren zu können. Wie das geht, sieht man in den eingesteuten, grau unterlegten „Erfahrungsberichten“, mit denen Maike Plath als Autorin genau das macht, was sie von Spielleiter/innen fordert: Sie praktiziert den spielerischen Statuswechsel, „macht sich zum Affen“ für den Leser und wird gerade dadurch glaubwürdig in ihren Aussagen. Darum ließen sich noch viele andere „denkwürdige“ Sätze aus diesem Kapitel anführen. Wenn sich nämlich ein Spielleiter „wach und neugierig auf einen kreativen Prozess“ (S. 46) einlässt, dann wird er selbst Bestandteil eines gelingenden biographischen Theaters.
Lehrer sollten Vorbilder in der Art sein, wie sie mit Krisen, Angst und Konflikten umgehen, und sie sollten mit entsprechendem Selbstbewusstsein auftreten: „nicht ‚Ich bin nur Lehrer’, sondern ‚Ich bin Profi auf diesem Gebiet!“ (S. 36). Daher erteilt Maike Plath auch der in der letzten Zeit grassierenden Vorstellung, dass eine dreitägige Arbeit mit „professionellen Künstlern“ die Lösung aller Probleme des Schulalltags bewirken könnte, eine klare Absage: „Kurzfristige, auf mediale Aufmerksamkeit gerichtete ‚Profi-Spektakel’ entbehren jeglicher Nachhaltigkeit und sind unter dem Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen nicht nur fragwürdig, sondern teilweise sogar schädlich.“ (S. 51)
Nachhaltige Wirkung kann hingegen das Darstellende Spiel als kontinuierliches Angebot der Schule entfalten: „Das Fach Theater ist schon seit den 70er Jahren als erfolgreiches Unterrichtskonzept bekannt, das bei den Jugendlichen gerade die Kompetenzen fördert und stärkt, die wir heutzutage vermehrt brauchen, um uns den vielfältigen Anforderungen der Gesellschaft stellen und ein einigermaßen selbst bestimmtes Leben führen zu können.“ (S. 13)
Dazu dient „biographisches Theater in der Schule“, aber dazu muss es auch so vermittelt werden wie an jener Hauptschule in Berlin-Neukölln und in diesem Buch. Lesen und machen!