Horner Thesen zum Schultheater
(Ulrich Hessel/Christiane Mangold/Wulf Schlünzen, Fachtagung der BAG für das Darstellende Spiel in der Schule 1984 in Hamburg-Horn)
Schultheater orientiert sich häufig - nicht immer zum Vorteil - am Stadt- und Staatstheater. Daneben gibt es aber auch Versuche, sich stärker an die Praxis der Freien Gruppen zu halten. Zu überprüfen wäre, wieweit solche Versuche tragen können, welche Gemeinsamkeiten und welche grundlegenden Unterschiede zwischen dem Schultheater und dem Freien Theater bestehen.
Wir möchten die Horner Thesen zum Schultheater unter diesem Gesichtspunkt zur Diskussion stellen und einige Fragen anschließen, von deren Beantwortung wir eine Klärung erhoffen, inwieweit das Schultheater von der Begegnung mit dem Freien Theater profitieren kann.
Horner Thesen zum Schultheater
- Schultheater ist dann besonders überzeugend, wenn es sowohl im Thema als auch im Arbeitsprozess den Schülern Möglichkeiten zur Selbstfindung bietet und dabei zugleich eine ästhetische Gestaltung verfolgt.
- Wenn in einem Theaterstück Probleme der Heranwachsenden thematisiert werden, macht dies allein noch keine gelungene Aufführung aus.
- Darstellendes Spiel ist geeignet, "jugendliche" Seiten der menschlichen Psyche zu entwickeln: Offenheit für Situationen und Beziehungen, Mut zum Risiko und zum Experiment, Kreativität und soziale Lernbereitschaft.
- Für die Arbeit an einem Theaterprojekt sind sowohl der Entstehungsprozess als auch die Vorstellung des Ergebnisses vor einem Publikum wichtig.
- Die Pädagogik des Darstellenden Spiels in der Schule kann die Frage nach den Inhalten nicht ausklammern. Spiel schafft bei der Wahl des richtigen Themas allerdings nur ein Problembewusstsein; es kann helfen, Probleme zu durchschauen. Spiel ersetzt nicht das Handeln in der Realität.
- Genaue Kenntnisse über das soziale Umfeld einer Spielgruppe und über das besondere Verhältnis dieser Gruppe zu Strömungen in der Jugendkultur stellen wichtige Voraussetzungen für die schulische Theaterarbeit dar.
- Darstellendes Spiel in der Schule muss die spezifischen Ausdrucksmittel und Ausdrucksbedürfnisse von Heranwachsenden berücksichtigen, ohne die vielfältigen ästhetischen Gesetze des Theaters zu missachten.
- Das Schultheater sollte das Kopieren des professionellen Theaters unbedingt vermeiden. Es sollte sich vielmehr auf die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten besinnen.
- Die Arbeit des professionellen Theaters sollte auf die Schultheaterarbeit anregend, aber nicht bestimmend wirken. Eine Zusammenarbeit zwischen Schultheater und Berufstheater muss von der jeweiligen Eigenständigkeit ausgehen.
- Der Spielleiter im Schultheater kann zur Praxis nur anleiten, wenn er selbst Spielerfahrung besitzt.
- Die Ausbildung von Spielleitern kann sich nicht an der Ausbildung zum professionellen Schauspieler orientieren; anzustreben ist vielmehr ein spezieller Ausbildungsgang.
- Schultheater muss auf allen Schulstufen seinen Platz erhalten. Die altersspezifischen Spielformen sind dabei zu beachten. Nur dann ist es möglich, dass Kinder und Jugendliche im Schultheater zu einer ästhetischen Präsentation ihres Selbstverständnisses gelangen.