PISA und die Künste

(LAG-Vorstand)

PISA und die Künste - wie geht das zusammen? Im Hinblick auf PISA kann man feststellen: Die Künste sind den Verantwortlichen nicht einmal eine Erwähnung wert. Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen sind die Kompetenzfelder, die bei PISA untersucht werden. Man könnte bestenfalls bei dem Umgang mit Sprache einen künstlerischen Bezug vermuten. Denn neben Kunst- und Musikerziehung und dem Darstellenden Spiel ist auf das Fach Deutsch zu einem gewissen Teil ein künstlerisches Schulfach, da Sprache ein Mittel des künstlerischen Ausdrucks sein kann.

Die Debatte um PISA leidet an erheblichen Verengungen:

Die aktuelle Bildungsdebatte wird über weite Strecken nicht primär unter dem Gesichtspunkt geführt, die Lebenschancen der Jugendlichen durch eine verbesserte Bildung zu erhöhen, sondern lediglich um den nächsten PISA-Test erfolgreicher zu bewältigen.

Künste sind skills for life.

Künste machen stark für das Leben. Sie helfen bei den Problemen der Alltagsbewältigung und schaffen im Lernen über alle Sinne, also mit Kopf, Herz und Hand, wirkungsvolle Möglichkeiten, die Komplexität der Weltaneignung zu überschauen und zu bewältigen.

In diesem wissenschaftlich-ästhetischen Bereich gibt es ein Forschungsdefizit, das nur durch entsprechende Mittelzuweisungen behoben werden kann. Unabhängig davon gibt es jedoch eine Fülle wissenschaftlich-theoretischer Ansätze, vor allen Dingen aber Praxiserfahrungen in den ästhetischen Fächern, die obige These in unzählig vielen Beispielen bestätigen.

Neue Lernkonzepte brauchen ästhetische Inhalte.

Der an der Bremer Universität lehrende und forschende Neurobiologe Prof. Dr. Gerhard Roth antwortete in einem Gespräch mit Vertretern des LFI in Bremerhaven auf folgende Frage: Wo sehen Sie die wichtigsten neuen Erkenntnisse Ihrer Disziplin über Lernprozesse?

"Am wichtigsten sind wohl die Erkenntnis, welche wichtige Rolle Emotionen (Affekte, Gefühle, Motive) für Lernen und Gedächtnisbildung spielen. Dies betrifft so unterschiedliche Komponenten wie die Vertrauenswürdigkeit des Lehrenden, die allgemeine und die spezielle Lernbereitschaft des Schülers, den Belohnungswert des Lernens und des Lerninhalts, die Steuerung der Aufmerksamkeit, die Einbindungsfähigkeit neuen Wissens, Leistungskontrolle und Wirkung schädigender Einflüsse (z.B. Gewalt-Videos) auf den Lernerfolg."

"Aufmerksamkeit ist nach dem Brot das wichtigste Lebensmittel" (Georg Frank)

Jugendliche brauchen die Aufmerksamkeit ihrer Umwelt. Der bekannte Bildungs-Journalist Reinhard Kahl schreibt dazu:

"Aufmerksamkeit, die wir von anderen brauchen, und Aufmerksamkeit, die wir für die Welt aufbringen, also Neugier, bedingen sich gegenseitig. Nur wenn es gelingt, diese Wechselbeziehungen zu kultivieren, kann "Bildung" gelingen. Anders gesagt: Missachtete können weder neugierig noch lernbegeistert sein, denn Lernen ist eine Vorfreude auf sich selbst."

Kaum ein Schultheater-Projekt gelingt, wenn nicht Schüler und Lehrer bereit sind, selbst an Wochenenden oder in den Ferien in ihrer Schule am angestrebten Projektergebnis zu arbeiten.

Die Identifikation mit ihrem Lernort, oder anders ausgedrückt: Das positive Schulklima bildet eine sehr wichtige Voraussetzung für die unterschiedlichen Lernprozesse und für das Erziehungsgeschehen.

Die Öffentlichkeit spricht immer wieder von der Politikverdrossenheit der Jugendlichen, von der mangelnden Bereitschaft sich zu engagieren. Die Shell-Studie nennt 4 Motive, die zum Engagement Jugendlicher führen:

Eine LAG-Umfrage unter Theaterlehrern der Sek II hat ergeben, dass es überdurchschnittlich viele Theater-Schüler sind, die in schulischen Veranstaltungen durch herausragende Aktivitäten auf sich aufmerksam machen und das Schulklima positiv beeinflussen.

"Erwachsen werden" durch die Förderung sozialer Kompetenzen. Das Life-Skills-Programm von Lions-Quest braucht wesentliche Elemente des Darstellenden Spiels

Im Lions-Quest-Konzept bestehen die wichtigsten Ziele von "Erwachsen werden" in der Förderung und Entwicklung der sozialen und kommunikativen Kompetenz junger Menschen. Es will sie in ihrer Fähigkeit fördern, eigene Entscheidungen verantwortlich zu treffen und umzusetzen, Konflikt- und Risikosituationen in ihrem Alltag zu begegnen, für Probleme positive Lösungen zu finden und so ihr Leben verantwortlich in die Hand zu nehmen.

Dieses Konzept ist sehr unterstützenswert und deckt sich im Wesentlichen mit den Inhalten der Sieben Thesen der LAG. Nachhaltige Wirkungen sind im Programm von Lions-Quest aber nur dann zu erwarten, wenn das Lernen sozialer Kompetenzen über alle Sinne erfolgt.