Besser lernen durch Theater?

Die LAG für das Darstellende Spiel führte am 12. November 2003 eine Veranstaltung mit der ehemaligen Leiterin der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, Enja Riegel, durch. Vor über 100 interessierten LehrerInnen und SchulleiterInnen sprach sie in der Gesamtschule Mitte zum Frage "Besser lernen durch Theater?". Im folgenden ein Auszug aus dem Referat von Enja Riegel:

In der Helene-Lange-Schule gab es am Anfang nur eine Theater-AG. Manchmal auch Theaterprojekte vom Deutsch- oder Fremdsprachenunterricht ausgehend. Es war immer nur ein Anhängsel und nicht zu dem gehörend, was eigentlich gelernt werden sollte. Heute spielt jeder Schüler mindestens 12 Wochen lang nur Theater ohne einen Tag Fachunterricht von morgens bis abends und auch an den Wochenenden und in den Ferien. Es gibt auch für sehr Interessierte 32 Wochen lang Theaterspielmöglichkeiten.

Und ich behaupte: Wer viel Theater spielt, wird gut in Mathematik, wird aber überhaupt gut. Bei den Tests THIMMS und PISA haben wir außergewöhnlich gut abgeschnitten. Eigene Überprüfungen bei unseren Schülern zeigen, dass sie sich sehr gut entwickeln. Wir überprüfen ganze Jahrgänge. 90 % unserer Schüler werden auch inden harten Fächern (Englisch usw.) besser. Wer ernsthaft arbeiten muss und herausgefordert wurde, wie im Theaterspiel, der lernt etwas auch für andere Fächer. Die Schüler, die in die Ausbildung gehen, die kommen eh zurück und loben, was sie gerade im Theaterspiel gelernt haben. Unser Angstgegner war immer die gymnasiale Oberstufe. Werden unsere Schüler auch dort Erfolg haben? Und es hat sich gezeigt: Wir brauchen uns keine Sorgen machen, weil Überprüfungen uns recht geben.

Warum ist Theaterspielen so nützlich? Ganz schwache Schüler und hochbegabte Schüler haben beim Theater ein ganz weites Feld an Herausforderungen und Bestätigungen. Schule soll nicht Spaß machen, Schule soll anstrengend sein, soll ernsthaft sein. Schüler sollen herausgefordert werden. Und wer dann erfolgreich ist, ist tief befriedigt. Es ist ihm dann eine große Freude, und das würde ich mal gerne durch den Begriff "Spaß" ersetzen. Schule hat mit Spaß nichts zu tun. Das ist was für´s Fernsehen.

Einige Beispiele, und ich kann sie unendlich fortsetzen: Wir machen Klassenspiele, wo alle Schüler, ganze Klassen, gute und schlechte Schüler Theater spielen. Und das Spielen, egal ob große Rolle oder kleine Rolle ist immer auch ein Weg zu sich selbst. Es ist immer ein tastender Versuch zu: "Wer bin ich eigentlich?", "Kann ich eigentlich in dieser Rolle als Person auf der Bühne bestehen?". Es ist immer auch ein Tasten in eine andere Epoche zu etwas ganz anderem, ganz Fremden, das man plötzlich in sich erkennt.

Aufführungen sind ganz notwendig. Zum Theaterspiel gehören die Aufführung, der Stress und die Anstrengung. Wenn der Vorhang dann aufgeht und man merkt, dass das was ich mache, das kommt an, dann ist das so wie noch mal auf die Welt zu kommen. Und dieses Gefühl führt dazu, dass man auch außerhalb vom Theater merkt: "Ich kann das, ich schaff das!" Und darum ist Theaterspielen auch so wichtig für Französisch und Mathe. Beim Theater kommt es nicht nur auf den Einzelnen an, sondern auf die Gruppe. Man macht die Erfahrung: Allein bin ich nichts, als Gruppe sind wir alles.

Buchtipp:
Enja Riegel, Schule kann gelingen. Wie unsere Kinder wirklich fürs Leben lernen, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, 17.90 Euro.